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Full text of "Kräfte"

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Sturm^-Bücher 

VIII 


Kräfte 


August  Stramm 


Verlag  Der  Sturm  /  Berlin  W  9 
1915 


Rebay 

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Pioperty  of 
The  Hilla  von  Rebay  Foundation 


Siurm^Büdier 

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Kräfte 


August  Stramm 


Verlag  Der  Sturm  /  Berlin  W  9 

1915 


Sturm-'Bücher 

I:  Augusi  Stramm 

Sancla  Susanna 

li:  August  Stramm 

Rudimentär 

III:  Mvnona 

Für  Hunde  und  andere  Mensdien 

IV:  August  Stramm 

Die  Haidebraut 

V:  August  Stramm 

Erwadien 

VI:  Aage  von  Kotil 

Die  Hängematte  des  Riuge 

VII:  Adolf  Beline 

Zur  neuen  Kunst. 

Jedes  Buch  50  Pfennig 


Alle  Rechte  vorbehalte)! 


Ein  Ehepaar 

Ihre  Freundin  und  sein  Freund 

I 
Die  Parkbäiime  spielen  Schatten  durch  Fenster 
und  Tun 

Sie:  (am  offenen  Fenster,  starrt  hinaus,  wendet 
jäh,  stemmt  die  Faust) 

Frauenlachen  (aus  dem  Park) 

Sie  (gurgelt,  zischt,  krampft):  so  (bebt  ins  Zim- 
mer) so!  (stürzt  zum  Spiegel,  streicht  Haar  und 
Qesicht,  wendet,  starrt  liilflos,  tonlos  nachspre- 
chig) schön  unbeschreiblich  anmutig 

Welke  Blätter  (büscheln  durchs  Fenster) 

S  i  e  (rast,  zertritt,  stampft,  schleudert) :  Moder ! 
(erstarrt,  nestelt  ein  Blatt  aus  dem  Haar,  hält 
die  ausgestreckte  Hand,  versinkt)  Wer?  (krallt 
das  Blatt,  schlägt  die  Luft,  stößt  den  Fuß,  er- 
schrickt) 

F  r  a  u  e  n  1  a  c  h  e  n    uuiter  dem  Fenster) 

M  a  n  n  s  t  i  m  m  e  (lookt) :  Schatz !  Schatzi? ! 


F  r  a  u  s  t  i  m  m  e  (fragt) :  huhu? 

Mann  stimme:  hörst  Du? 

S  i  e    (schüttelt  Krampf) 

M  a  n  n  s  t  i  m  m  e :  wir  wollen  reiten 

Fraustimme:  herrlich 

M  a  n  n  s  t  i  m  m  e :  Die  Herbstsonne 

Fraustimme:  jetzt 

Sie  (schraubt  den  Kopf  zwischen  beide  Fäuste, 
wuchtet  mühsam  herum):  ich  .  .  ,  reite  .  .  .  zur 
Nacht  .  .  .  zur  Nacht  das  Mondllcht 

Fraustimme  (lacht  g:lücklich) :  Nacht! 

Hände    (klatschen) 

F  r  a  u  s  t  i  m  m  e :  Mondlicht 

S  i  e  (knirscht  die  gekrampfte  Faust  zwischen  die 
Zähne):  rrrrsch 

Fraustimme  (beglückt) :  ich  reite  reite  zur 
Nacht!  Mondlicht 

M  a  n  n  s  t  i  m  m  e  (lacht) 

S  i  c  (starrt) 

Freundstimme:  Wir  reiten  alle 

S 1  e  (erwacht,  ordnet  das  Haar,  ruckt  das  Kleid) 

M  a  n  n  s  t  i  m  m  e:  zusammen 

F  r  a  u  s  1 1  m  m  e ,  M  a  n  n  s  t  i  m  m  e ,  Freund- 
stimme (jubelnd) :  zusammen 

Sie  (atmet;  tritt  gemessen  zum  Feuster) 

Lache  n  (draußen) 

S  i  e  (fingert  Blätter) 

F  F  e  u  n  d  s  t  i  m  m  c  (lacht) :  Überschütten 


Pr  au  s  t  im  me  (überiniitUr):  Blättert 

S  i  e  (scharrt  Blätter  vom  Fensterbrett  lüiiaub, 
trocken,  hart):  verwelkt!  verwelkt! 

F  r  e  im  d  s  t  i  m  m  e  (lacht) :  begraben ! 

S  i  e  (erregt):  Nicht  .  .  nicht  .  .  nicht  .  . 

Freundstimme:     im 

F  r  a  u  s  t  i  m  m  e  F  r  e  u  n  d  s  t  i  m  m  e  (lachend 
zusammen):  Mondlicht? 

Sie  (fröstelt):  Es  frostet  (tritt  zurück) 

E  r  (schwingt  hoch  und  springt  hinein) 

Sie  (schrickt  die  Hände  entgegen) 

Lachen  (draußen) 

Er  (reißt  sie  an  sich,  sieghaft):  Wer? 

Sie  (wehrt):  Du  (entwindet  zum  Fenster) 

Er  (neben  ihr,  lacht):  Ich? 

Siie  (v/eist  hinaus) 

Er  (lacht):  sie  laufen  fort,  ja!  (legt  den  Arm  um) 

S  i  e  (entschlüpft,  scharrt  Blätter  und  liegt  auf  dem 
Divan,  die  Hände  unterm  Kopf) 

E  r  (sitzt  zu  ihr,  schäkert) 

S  i  e  (wirft  den  Kopf  zur  Wand) 

Er  (beugt  zärtlich):  Du?! 

Sie  (tonlos  nachsprechend):  un  .  .  be  .  .  schreib- 
lich 

Er  (forscht):  Was? 

S  i  e  (jäht  hoch  und  starrt) 

Er  (fährt  übers  Haar):  Liebe! 


Sie      (sii'M   ihn   ^uriiclv,   leilU  ihn   an   sicli,   orn- 

solilingt):  ich  will  auch  nicht 
Er  (leicht  erstaunt):  was  denn? 
Sic  (läßt  schroff  los  und  stapft  zum  Fenster):  ich 

will! 
Er  (schaut  verwundert,  unruliig):  w^as  willst  Du? 
Sie:  Die  Sonne  Hegt  auf  den  Baumwipfeln 
Er  (tritt  zu  ihr,  weich,  besorgt):  Kind! 
S  i  e  (strafft,  wendet  und  forscht  sein  Auge) 
Er:  Kind! 
Sie  (hart):  ich! 

Er  (legt  die  Hand  auf  ihre  Schulter) 
Sie   (wendet):    brennen!   (greift   ein  Flacon   vom 

Divantisch  und  bespritzt  ihr  Gesicht) 
Freund  und  Freundin  (lachend,  leicht  erhitzt 

durch  die  Parktür) 
Freundin:  Die  Sonne! 
Freund  (begeistert):  zwischen  den  Bäumen 
Freundin  (blendet  die  Augen):  Es  ist  ganz  dun- 
kel hiier 
Sie  (schrillt):  Licht!  (schaltet  ein) 
Freundin:  ah! 
Sie  (schrillt  die  Klingel) 
Freundin  (tappt  geblendet) :  jetzt  bin  ich  ganz 

blind  (fällt  lachend  in  den  Sessel) 
Diener  (durch  die  Flurtür  bringt  Thee) 
Sie:  So?  (schenkt  ein  und  reicht  halb  wend#nd 

4er  Freundin  die  Tass;e) 
6 


Freundin  (will  nelinien):  danke 

S  i  e  (kippt  die  Tasse  um) 

Freundin  (springt  im  Schrei) 

S  i  e  (hält  die  Untertasse  starr) 

E  r  und  Freund  (springen  zu) 

Freundin  (tupft  das  Taschentuch  ans  Kleid) 

Freund  (hebt  die  Tasse):  nicht  zerbrochen! 

S  i  e  (lacht  schrill  kurz  auf,  nimmt  die  Tasse  mit 
freundlichem  Nicken,  wird  lebendig,  tupft  die 
Freundin  mit  der  Serviette  niederknieend):  oh  .. 
ich  .  . 

Freundin:  es  ist  nicht  schlimm 

Er  (tupft  den  Arm  der  Freundin):  nicht  der  Arm? 

Sie  (beugt  ganz  tief  und  tupft  ganz  unten):  ich 
bin  untröstlich 

Er  (legt  beruhigend  flüchtig  die  Hand  auf  ihren 
Naoken) 

Sie  (schnellt  wehrig  heftig  auf,  dann  sofort  be- 
herrscht):  ja 

Freundin:  ich  geh  nach  oben 

Er  (hastig,  galant):  dem  Mädchen  klingebi!  (öff- 
net die  Tür  und  folgt  der  Freundin) 

S  i  e  (schaut  den  Freund  an  in  Triumph) 

Freund  (unsicher) 

S  i  e  (schenkt  ein  und  reicht  lächelnd) 

Freund  (tastet  verwirrt) 

Sie  (lächelt):  sie  fällt  nicht 

Freund  (nimmt  uHd  schlürft  hastig):  so? 


Sie  (immer  lächelnd,  schenkt  ein,  stellt  die  Tasse 
auf  den  Divantisch,  sitzt,  schaltet  die  Tisch- 
lampe und  dreht  das  Dunkel  des  Seidenschirms 
auf  ihr  Gesicht,  heiter):  Rauchen  Sie? 

Freund  (iiastet  die  Zigarettepdose  vom  Tisch 
und  bietet  ihr) 

S  i  e  (nimmt  lächelnd) :  danke 

Freund  (hastet  Feuer) 

Sie  (zieht  langsam  wohlig):  danke 

Freund  (zündet  eine  Zigarette  und  schlenkert 
aus)  .     /  \% 

S  i  e  (lächelnd  langsam) :  Sie  werden  Feuer  stiften 

Freund  (starrt  prüfig,  rückt  zusammen):  ich 
brenne  schon 

Sie  (springt  auf,  reckt  den  Arm  und  geht  zum 
Fenster):  aah  .  .  mein  Mann  ist  ein  guter 

Freund  (starrt  nach) 

Er  (tritt  ein):  so! 

Sie:  der  Mond 

Er  (neben  ihr):  ja  .  .  der  Mond 

Sie  (wirft  die  Zigarette  verekelt):  äh  (prüstelt 
Tabak,  tritt  zum  Tisch  und  schlürft  Thee) 

l'rieundin  (reitfertig):  ich  habe  mich  fertig  ge- 
macht 

Sie  (schrofft  die  Tasse  hin):  nein 

Freundin  und  Freund  (betreten) 

Er  (bestürzt):  was? 

Sie  (ruhig  kalt):  ich  reite  nicht 

8 


F  r  e  u  11  d  i  n  (starrt  bestiirxt  umher) 

Sie:  die  Kälte  (sdilieBt  das  Fenster) 

Er  (ratlos):  du 

Freund    (raucht  nachden»klich) 

Freundin  (sitzt,  den  Kopf  auf  der  Brust) 

S  i  e  (schauert  und  schließt  die  Parktür) 

Freundin  (schluchzt  verhalten) :  oh 

Sie  (strafft):  Kind  nein  nein  (stürzt  hinter  den 
Stuhl  der  Freundin  und  armt):  so  nicht,  nicht, 
ich  reite!  ja!  ich  reite!  (erschöpft)  es  ist  heiß 
furchtbar  heiß  hier 

Er  (öffnet  das  Fenster) 

S  i  e  (zwingt  die  Freundin  hoch  und  faßt  sie  unter) : 
komm 

Freund  (öffnet  die  Parktür) 

S  i  e  (wendet  in  der  Flurtür  zum  Freund  matt, 
freundlich):  danke  schön  danke 

Freund  (in  der  Parktür,  stemmt  die  Hüften, 
pafft  über  die  Schuiter  zur  Flurtür  nach) 

Er  (boxt) 

Freund  (wendet  und  schaut):  wen  wehrst  du? 

Er  (hört  erschöpft  auf):  ja 

Freund  (steckt  die  Hände  in  die  Tasche,  gleich- 
mütig): ja 

Er  (stürzt  raus) 

II 
Sie  (nestelt  am  Fenster):  Wer? 


Freundin  (sitzt  am  Tisch  liebt  das  Olas):  was 

fragst  du? 
Sie  (weicht  aus):  du  hast  Durst  nach  dem  Ritt? 
Freundin  (nickt  und  trinkt) 
Sie  (stellt  fest):     ja!  das  war  das  Qlas  meines 

Mannes 
Freundin  (schrickt  das  Qlas  hin) 
S  i  e  (nestelt,  wendet  und  blickt  raus) 
Freundin  (stört  hoch):  wer?  wer? 
Sie  (dreht  den  Kopf  und  blickt  auf  sie):  an  w^en 

denkst  Du? 
Freundin  (erschrocken) :  ich  .  .  .  ich  .  .  . 
Sie  (ruft  in  den  Park):  Manne 
Freundin  (stammelt  sprachlos) 
Er  (in  der  Parktür):  wer  vermißt  mich? 
Sie  (ruhig):  Dein  Qlas 
E  r  (lacht  und  streckt  die  Hand  zum  Qlas) 
Freundin  (hält  ihm  den  Arm):  nein  nein 
Sie  (zuckt  verächtlich):  Kind  (geht  zur  Parktür) 
Freund  (tritt  in  die  Parktür) 
Freundin  (läßt  seinen  Arm  los) 
Er  (verdutzt):  und? 
Sie:  könnt  ihr  keinen  Scherz  verstehn? 
Teller  (klappern  auf  der  Terasse) 
Sie  (nimmt  den  Arm  des  Freundes) 
Freundin  (überhastig):  ich  gehe  mit 
Sie  (neckt  zum  Freund):  sie  will  uns  nicht  allein 

lassen 


Freu  ij  d  i  ii  (ratlos  betroff-en) 

Sie  (neckt  zur  Freundin):  verraten 

Er  (bietet  der  Freundin  den  Arm,   neckt):     wir 

gehen! 
Freundin  (schaudert,  sammelt  sich,  nimmt  liell 

auflachend  den  Arm  und  springt  mit  ihm  an  den 

beiden  vorbei  in  den  Park) 
S  i  e  (lacht  hinterher  faßt  den  Arm  des  Freundes 

fester):  ich  liebe  sie 
Freund  (zuckt) 
Sie  (obenhin):  ja 
Freund  (hilflos) :  ja 
Sie:  Sie  auch? 

Freund  (stammelt) :  ich  .  .  ah 
Sie  (in  heller  übermütiger  Lache):  Sie  lieben  den 

Mond 
Freund  (ratlos,  verlegen):  er  scheint  heute  hell 
Sie  (schaut  in  den  Mond,  nach  einer  Weile):  Sie 

haben  scharfe  Augen? 
Freund:  ich 
Si^  (läßt  seinen  Arm,  rückt  einen  Stuhl):  ich  bin 

müde    (sitzt,  nach  einer  Pause  erschöpft)  mein 

Mann  findet  sie  unbeschreiblich  anmutig 
Freund  (zuckt):  wer? 
Sie  (gähnt  leicht,  gleichgiltig) :  ja 
Freund  (tritt  voll  innerer  Unruhe) 
Sie  (nach  Pause  gleichgiltig):  wer  kommt  da? 
Freund  (späht  gespannt):  wer? 

11 


Sie  (beobachtet  ihn) 

Freund:  nein 

Sie  (spöttelt):  Ihre  Augen 

Freund   (aufgeregt   immer   spähig) :     oh   meine 

Augen  sind  scharf 
Sie  (nach  Pause  lächelnd):     auf  wieviel  Schritt 

schießen  Sie  ins  Herz? 
Freund  (jäht  zu  ihr  um,  hastet  zu  ihr,  nimmt  ihre 

Hand  und  küßt  sie):  ich  bin  ungezogen? 
Sie  (erhebt  sich  ruhig):  galt  das  mir? 
Freund  (starrt  sie  hilflos  an) 
S  i  e  (lacht  schrill  gell  in  die  Nacht) 
Aufschrei  (schrickt  im  Park) 
Sie  (tritt  in  die  Tür):     Wer  schrie  da?  so?  so 

(zieht  ihn  zu  sich)  sehen  Sie!  (ruft)  Seid  ihr  da? 
Freundin  (atemlos  aus  dem  Park):  oh  oh  (stol- 
pert und  sinkt  in  einen  StuhOwer  hat  nur  so  .  .? 
Sie  (beobachtet):  seid  ihr  erschrocken? 
Er  (tritt  hastig  gezwungen  lachend  ein):  es  wird 

ein  Kauz  gewesen  sein. 
Sie  (leicht  spöttisch):  ja  ein  Käuzchen,  die  Nacht 

hat  euch  erschreckt  (lacht)  ja  die  Nacht!  (faßt 

den  Freund  unter)   Wir    gehen    das    Käuzchcn 

schrecken!  (lacht  auf) 
Freundin  (hebt,  starrt,  horcht):  war  das? 
Er  (beruhigt):  Es  tut  mir  leid 
Freundin:  Sie?  ich  gehe  nicht  wieder  (kauert) 

ich  habe  Furcht 


12 


Er  (küßt  ihre  Hand) 

Freundin  (entsetzt) :  wir  wollen  nie  wieder 
gehn  nie! 

Er  (bietet  eine  Zigarette  an) 

Freundin  (nimmt):  ja 

Er  (gibt  Feuer):  die  Aengste  verpaffen!  Uebrig 
bleiben  Sie  und  ich!  (zündet  an  und  wirft  das 
brennende  Streichholz  durchs  Fenster) 

Grelles  Auflachen  (stiebt  rein) 

Freundin  (hoch,  an  allen  Qliedern  zitternd) 

Er  (schrickt  und  starrt  zum  Fenster) 

S  i  e  (tritt  lachend  ein) :  Kinder  (prüft  ihr  Kleid) 
ihr  habt  mich  angesengt  beinahe 

Freund  (hinter  ihr  mit  drohenden  Augen) 

Sie  (lacht  liebenswürdig):  Wir  leben  auch  noch! 
ihr  Feurigen 

Freundin  (erlahmt,  stottrig) :  o 

Sie  (scherzt):  was? 

Freund  (stößt  die  Zigarette  im  Aschbecher  ent- 
zwei) 

Sie  (schaut):  Sie  Zerstörer 

Freund  (tritt  zurück):  ich? 

Sie  (weicht  ab):  wir  alle  (wendet)  es  ist  gedeckt 
(nimmt  die  Freundin  untern  Arm  und  schiebt  sie 
zur  Tür,  gibt  die  Willenlose  in  der  Tür  lachend 
dem  Freund,  holt  ihren  Mann  und  geht  mit  ihm 
raus) 


18 


III 

Gedämpftes  Licht 
S  i  e  (starrt  in  Gedanken) 
Er  (vom  Park):  ihr  seid  alle  schnell  vom  Tisch? 

(legt  die  Serviette  hin) 
Sie   (streift   langsam   umständlich   den  Trauring 

und  legt  auf  den  Divantisch) 
Er  (erstaunt):  was  tust  Du? 
Sie:  er  tut  weh 

E  r  (greift  zum  Ring):  lassen  wir  ihn  weiter  machen 
Sie  (hart):  nein 
Er  (betroffen):  Du  .  .? 
Sie  (trocken):  er  ist  weit  genug 
Er  (starrt) 

S  i  e  (immer  bewegungslos  den  Rücken  zum  Fen- 
ster): wo  sind  sie? 
Er   (lacht  befreit  und  schaut  zum  Fenster):     sie 

werben 
S  1  e  (bewegungslos) 
Er  (wirbt  zu  ihr):  sie  werben!  Du! 
Sie  (wehrt  die  Hand):  still 
Freund  und  Freundin  (treten  stumm  ein) 
Sie    (lebhaft   umschlalgend):   keine   Furcht  mehr 

draußen? 
Freundin  (hart,  gepreßt) :  ich 
Sie   (scherzt):   jetzt   graust    mich    (nimmt  den 

Arm  des  Freundes  und  geht  mit  dem  Freund  in 

den  Park) 


14 


Freundin  (starrt  nach  den  beiden  um) 

E  r  (tritt  auf  sie  zu) 

Freundin  (wehrt  entsetzt) :  Schweigen  Sie! 
nicht!  nicht!  nur  schweigen!  gleich  lacht  sie . .  o 
gleich  .  .  . 

Er  (bedauert):  das  hat  Sie  erschreckt 

Freundin  (immer  die  Augen  zurück) :  machen 
Sie  heller  hier 

E  r  (schaltet  Flammen  ein) 

Freundin:  heller  (voll  Angst  und  Beben)  ich 
will  nichts  garnichts 

E  r  (tritt  neben  sie  und  nimmt  ihre  Hand) 

Freundin  (reißt  los):  lassen  Sie!  lassen  Sie!  ich 
spreche  nicht!  ich  spreche  (tritt  plötzlich  fest 
auf)  ja  (stark)  ich  verlobe  mich!  ich  verlobe 
mich 

Er  (faltet  die  Hände) 

Freundin  (hebt  die  Hand,  horcht):  da  lacht?  .  . 

Er  (läßt  die  Hände  fallen):  Sie  sind  erregt 

Freundin  (entschlossen):  ich  will!  doch!  (hastet 
in  den  Park) 

Er  (ihr  nach):  hier!  hier!  Sie  finden  ja  nicht! 

Freund  und  S  i  e  (vor  der  Tür,  starren  den  bei- 
den nach) 

Sie:  die  haben  Eile 

Freund  (starrt  nach):  ja 

Sie:  Die  haben  uns  nicht  gesehen 

Freund:  nein 


15 


Sie  (lebhaft):  Sehen  Sie!  sie  laufen!  laufen 

Freund  funbeherrscht):  ich 

Sie  (lauert  kalt):  o  bis  dahin  treffen  Sie  nicht 

Freund  (erschrickt) 

S  i  e  (tritt  in  das  Zimmer) :  Die  Luft  ist  aufgferegt 

Freund  (stapft  gezogen  nach):  ja  (starrt  in  den 

Park) 
Si  e  (ruhig  gleichmütig):  weshalb  erklären  Sie  sich 

nicht? 
Freund  (wendet  überrascht  zu  ihr) 
Sie  (lächelt):  weshalb? 
Freund  (starrt  wieder  in  den  Park):  sie  hat  mich 

abgewiesen 
Sie  (spannt  hoch) 
Freund:  vorhin!  ja! 
Sie  (forscht):  vorhin? 
Freund  (nickt) 

S  i  e  (nahe  zu  ihm,  legt  die  Hand  auf  seinen  Arm) 
Freund  (zuckt  zusammen) 
Sie  (weich  anschmiegend):  ich  hasse 
Freund  (starrt  sie  an) 
S  i  e  (wehmütig) :  ja  mein  Mann 
Freund  (fährt  um  und  starrt  sie  an,  unbeherrscht 

sprachlos,  packt  derb  ihren  Arm):   wer?  wer? 
S  i  e  (blickt  ihn  ruhig  an) :  ich 
Freund  (löst  gebrochen,  schwach):  Verzeihung 
(stöhnt  leise) 


16 


Sie  (in  heller  plötzlicher  Angst,  fleht):  Aber  Sie 
dürfen  nicht!  .  .  nicht  wahr  .  .?  das  tun  Sie 
nicht!  o!  versprechen  Sie!  Wenn  Sie  mich! 
etwas  für  mich!  bitte!  bitte 

Freund  (macht  eine  wehrige  Handbewegung) 

Sie  (forschig  bang):  Sie  werden  es  nicht  tun! 

freund  (schwach) :  ich  habe  kein  Recht 

Sie  (trotzend,  forschig  hart):  Recht?! 

Freund  (weh) :  Recht 

(Schweigen) 

Sie  (schwach):  ich  leide  so 

Freund  (küßt  ihre  Hand) 

Sie  (läßt  ihm  die  Hand):  mein  Mann  ist  gut!  gut 
Sie  finden  Ihr  Qlück!  (Schweigen)  Gedanken! 
Peitschen!  Stoßen!  Grauen!  alles  verloren! 

Freund  (spannt  in  den  Park) 

S  i  e  (folgt  seinem  BHck) :  sie  kommen  (läßt  seine 
Hand  los)  ihr  tappt  im  Dunkel?  Wir  sind  in  der 
Helle! 

E  r  und  Freundin  (treten  nebeneinander  ein) 

Er  (hastig):  suchen  wir  suchten(  bricht  ab,  zum 
Freund)  Dich 

Freund  (spannt  hoch) 

Freundin  (erschöpft) :  ich  geh  jetzt,  ich  bin 
müde,  müde,  ich  kann  nicht,  unfähig  (schleppt 
ohne  umblicken  hinaus  zur  Flurtür)  ich  kann 
nicht  t^^ 

E  r  und  Freund  (stauuien  hilflas  nach) 


17 


Sie  (kalt):  jeder  muß  alleine  tragen!  alleine? 
(setzt  sich  erschöpft)  es  war  zu  viel  heute 
(scharf,  spitz,  gestrafft  zum  Freund)  o  Sie  .  .? 

Freund  (fährt  aus  Versunkenheit  ertappt):  icli 
ich  ^  I    ' 

S  i  e  (erhebt  sich  ruhig  fest  zu  ihrem  Mann  im 
Vorbeigehen):   er  hat  mich  angefaßt! 

Er  (verständnislos) 

Freund  (verständnislos) 

Sie  (reibt  ihren  Arm):  ja  angefaßt  (tritt  zum  Fen- 
ster, blickt  in  die  Nacht)  ich  sage  nicht  mehr. 

E  r  (spannt  den  Blick  auf  den  Freund) 

Freund  (strafft  und  steht  dem  Blick) 

Sie  (klammert  das  Fensterkreuz,  schwach,  weh): 
angefaßt,  Gewalt. 

Er  (begehrt  auf) 

Freund  (geht  kalt  an  ihm  vorüber  zur  Tür) 

Sie  (in  fliegender  Angst):  nicht,  nicht  ihr  tut  das 
nicht,  ihr  schießt  nicht,  nicht  schießen!  nicht! 

Freund  (steht  in  der  Tür  und  blickt  auf  sie  zu- 
rück forschig) 

Sie  (wirft  grelle  Lache  auf  den  Freund):  Jetzt 
müssen  Sie  schießen!  jetzt  müssen  Sie ! 
müssen  Sie!  Sie  müssen! 

Freund  (zuckt,  taumelt,  hetzt  in  die  Nacht) 

Sie  (am  Fenster,  ruft  nach):  Sie!  Sie!  Sie! 

Er  (erv/aclit):  wns?!  das?!  was  war  das?!  wo 
stehst  Du?  Du?! 


18 


S  i  c  (kalt) :  ich  steh  auf  meinen  Füßen 

Er  (bäumt  auf):  Du!! 

Sie  (blickt  ihn  kalt):  Du!!  Mann!!! 

E  r  (die  Hände  vors  Gesicht  gekrampft  gescliüttelt) 

Sie  (peitscht  das  Taschentuch  in  die  Luft  und  den 
Ring  vom  Tisch,  ballt  die  Faust,  geht  verächt- 
lich vorüber) 

E  r  (schlägt  die  Hände  vors  Qesicht  in  Schluchzen) 

IV 

Die  Divanlampe  leuchtet 

S  i  e  (horcht  die  Hände  gekrampft  zur  Tür):  koimn! 
kommen!  (schüttelt  in  Schluchzen)  lieb!  lieben! 
(kauert  auf  den  Divan)  komm  kommen!  komme! 
(schweigt  und  spannt)  fühlen,  fühlen!  (ringt  die 
Hände  zur  Tür)  ich  habe  lieb!  (erblickt  den 
Ring  auf  der  Erde,  stürzt,  hebt  hoch,  betrachtet 
und  steckt  sorgsam  wieder  auf)  ich  zieh  ihn  auf! 
ich  ziehe  ihn  wieder  auf  (zeigt  die  Hand  ins 
Leere)  sieh,  sieh  .  .  .  (preßt  die  Hände  an  die 
Schläfen  und  starrt  zur  Parktüre)  oo!  (hetzt  an 
die  Tür  stößt  mit  Händen  und  Füßen  die  Nacht, 
zurückweichend)  nein  Nacht!  (schiebt  vorwärts- 
stemmend  etwas  hinaus)  kalt!  (wirft  in  d^r  Tür 
die  Hände  hoch  hinausgellend)  wieder  kommen! 
nicht  wiederkommen !  (preßt  d^n  Kopf  besin- 
nend) Liebe  Liebe  (lehnt  die  Tür,  weich  weh) 
ich  liebe!  ia!  (schrickt  auf  und  dreht  die  Faust 


19 


der  Tür)  Du!  (starrt  entsetzt  und  wehrt  mit  bei- 
den Fäusten)  stehen!  stehn  (taumelt  wirr  in  das 
Zimmer)  Wände!  taumelt!  (schaut  entsetzt  um- 
her, rast  gegen  die  Wand  und  stapft  mit  dem 
Fuß  dagegen)  stehen!  steh!  (schleicht  gebückt 
zum  Divan)  still!  (kauert  angstgehetzt  umlier- 
blickend  zu  den  Wänden)  nicht  laufen!  laufen! 
so  lauft  doch  nicht !  (springt  auf  und  würgt  sich 
die  Hand  an  die  Kehle)  Das  Qewürge!  Qewürge! 
ihr  würgt  mich! 

Er  (tritt  in  die  Parktüre  mit  Mantel  und  Hut):  Du 
bist  hier 

Sie  (schrickt  furchtbar,  fällt  zu  Boden,  springt 
hoch,  geht  mit  ausgebreiteten  Armen  auf  ihn  zu, 
stark):  o  Du  kom.mst!  Du  kommst!  leben 

Er  (ruhig):  ich  suche  Dich 

Sie  (umschlingt):  nicht.  Dich!  Dich!  Dich!  Du! 

Er  (schaut  sie  an  ruhig):  ich  wollte  für  jeden  Fall 

S  i  e  (hält  ihm  die  Hand  auf  den  Mund):  es  ist  alles 
nicht  wahr!  nicht  wahr!  nicht  wahr! 

Er  (wiederholt  mechanisch):  nicht  wahr 

Sie:  Lüge!  Lüge!  gelo^^cn!  Lüge  lügt! 

Er  (verständnislos):  lügt 

Sie  (immer  leidenschaftlicher):  hat  er  nicht  ge- 
sagt? gesagt?  nicht  gesagt? 

Er  (ruhig):  er  schießt! 

Sie  (stemmt  ab,  taumelt  zum  Tisch  und  legt  das 
Gesicht  auf  den  Arm):  ooo 

20 


Kr  (legt  die  Hand  auf  die  Schulter) 

Sie  (springt  auf  stark  visionär):  du  stirbst 

Kr  (streichelt  sie  weich):  sterben 

Sie:     Du 

Kr:  lieben 

Sie   (wirft  um   und  klammert):      Du  wirst   nicht 

gehen 
K  r  (ruhig):  ich  gehe! 
Sie  (entwindet  sich  ihm  jäh):  Du! 
Kr  (armt  w^eich  nach  ihr):  Du    Du 
Sie  (stößt  ihn  mit  beiden  Händen  zurück):  Du  Du 

Du!  gehen!  gehen!  lügen!  lügen!  ich  w^eiß  nicht 

Wahrheit!  wo  lügt  Wahrheit? 
Er:  Lügen? 
Sie   (weicht  und   stößt,   zischt):   ich   hasse   Dich 

(gellt  ihm  ins  Gesicht):  tot! 
Er  (tritt  einen  Schritt  zurück) 
S  i  e  (lacht  gellend  auf  und  ordnet  im  Nacken  das 

Haar  mit  beiden  Händen) 
Er  (haucht):  Du  bist  .  .!  fasse  Dich!  (hält  ihr  die 

Hand  hin  ruhig):  eine  Weile 
S  i  e  (wendet  ab) 

Er  (schließt  den  Mantel):  wenn  Du  mich  liebst 
S  i  e  (jäh  zu  ihm) :  wenn  du  mich  liebst 
Er  (hält  ihr  die  Hand  hin):  das  gilt  die  Karte 
Sie  (beugt  über  den  Tisch,  stemmt  die  Ellbogen 

auf  und  hüllt  das  Gesicht  in  die  Hände, 


21 


Er  (küßt  ihr  Maar,  geht  schnell  olitii:  umzublickeii 
in  den  Park)  "* 

Sie  (fährt  hoch,  streckt  die  Hand  ihm  nach,  setzt 
den  Fuß  und  bleibt  stehen) 
(liire  Haltung  löst  langsam) 

Sie  (matt  schlaff  gefangen):  Eine  Weile  (peitscht 
auf  und  wütet  die  Venus  in  dem  Winkel  zwischen 
Parktür  und  Flurtür)  fort!  fort!  (hält  inne)  nein! 
bleib!  bleib!  (hetzt  die  Reitgerte  vom  Tisch  und 
peitscht  die  Venus)  runter!  runter!  kuschen! 
kusch!  (läßt  erschöpft  ab,  schleudert  die  Peitsche 
fort,  wendet  und  knirscht  in  Schauern)  nun  fallt! 
fallt  Wände!  fallt!  würgt!  würgt!  (erstarrt, 
stützt  die  Faust  auf  den  Tisch,  spannt  ab,  schüt- 
telt heiter  den  Kopf,  leicht)  würgt! 

Die  Tür  (klopft) 

S  i  e  (spannt  hoch) 

Freundin  (im  Nachtgewand) 

Sie  (starrt) 

Freundin  (zaghaft):  verzeih,  ich  hörte  sprechen 

Sie  (rauh):  Du?  so  spät  in  Nacht?  so  früh  am 
Tag? 

Freundin  (schauert,  tritt  ein  und  schließt  die 
Tür) 

Freundin:  ich  bin  unruhig 

S  i  e  (abwesend):  so  so 

Freundin  (erschöpft):  Angst! 

Sie  (lacht  kurz  auf):  Angst! 


22 


r  re  11 11  d  i  ii  (erschrocken):  Du 

S  i  e  (lausclit  in  den  Park) 

Freundin:  Du  horchst 

Sie  (bezwing:!):  nichts 

Freundin   (hastig):   Stimmen   gehen  im  Hause 

Sie  (ruhig):  nichts  ist  im  Hause 

Freundin  (starrt):  wo? 

Sie  (wirft  gleichgiltig,  ordnet  den  Divantisch):  er 
hat  mich  angefaßt 

Freundin  (verständnislos) 

Sie  (gleichmütig):  ja  der  (horcht  wieder) 

Freundin  (aufgelöst):  wer? 

Sie  (nickt):  ja 

Freundin  (preßt  die  Hände  auf  die  Brust  und 
atmet  schwer) 

Sie  (belauert  wegwerfend):  er  liebt  mich  sagte 
er.  Leidenschaft 

Freundin  (erhebt  schwierfällig,  taumelig) 

Sie  (lauert  grausam):  Du  liebst  ihn?  Du  liebst? 
(streichelt  sie) 

Freundin  (sinkt  auf  den  Stuhl  zurück,  wim- 
mert) 

Sie  (beugt  über  sie,  gespannt):  Verirrung  nichts! 
Verirrung! 

Freundin  (wimmert) :   unmöglich 

Sie  (richtet  hoch,  kalt):  unmöglich 

Freundin  (schreckgespannt):   wo? 

Si«  (zurück  kalt):  ja  die  Männer 

23 


F  r  e  u  11  d  i  n  (erhebt  sicli  und  le^t  das  Gewand 
fest  lim) 

Sie:  Was  willst  Du? 

Freundin     (gefaßt) :     ich  muß  ihn   sprechen 

S  i  e  (lauert) :  ja? 

Freundin  (ringt  mit  Entschluß):  ich  frage  ilm 

Sie  (lauert):  fragen? 

Freundin  (in  wilder  Erregung) :  es  ist  nicht, 
kann  nicht  sein,  Verzweiflung 

Sie  (höhnt):  Verzweiflung 

Freundin  (hart,  stark):  ja  Verzweiflung  (geht 
zur  Tür,  fest):  ich  frage  ihn 

Zwei  Schüsse  (flattern  aus  dem  Park) 

S  i  e  (zuckt  furchtbar) 

Freundin  (starrt,  schaut  auf  sie,  schreit,  preßt 
die  Hand  vor  den  Mund) 

S  i  e  (hält  zitternd  am  Tisch) 

Freundin  (haucht) :  was  wiar  das?  das? 

S  i  e  (haucht) :  frage,  frage 

Freundin  (verständnislos) 

S  i  e  (aufgerichtet,  roh,  selbstbewußt,  gerechtfer- 
tigt): er  hat  mich  angefaßt. 

Freundin  (schreit,  gell) :    Du  lügst 

Sie  (dumpf  drohend):  Lüge 

Freundin  (schreit) :  Entsetzen ! 

S  i  e  (reckt  im  Triumph) :  o !  mich !  Dich  mich !  ich 
hasse!  (immer  unbeherrschter,  ungebändigter) : 
hasse!  hasse!  Liebe!  Wahn!  (tobt  dicht  vor  die 


24 


Wehrlose)  wahr!  nicht  wahr!  walir!  nicht  wahr! 

PreiMidin  (\rendet  jäh  zur  fhicht) 

S  i  e  (hält  iliren  Arm,  erbarmurigsvoH,  weich,  strei- 
chehid)  arme! 

Freundin  (reißt  los,  taumelt,  schleudert  g'egen 
die  Tür,  klammert  die  Venus,  stürzt  zu  Boden, 
hetzt  hoch  und  flieht  durch  die  Tür  aufgellend) 

S  i  e  (starrt  und  starrt  auf  die  Trümmer  der 
Venus,  hebt  den  Kopf  hoch) 

Sie  (ins  Leere):  wer!  (horcht  und  horcht)  das 
müßte  anders  klingen!  anders!  anders!  (maclit 
einen  Schritt  zur  Parktür  und  horcht)  nicht 
nein,  anders  (schiebt  Schritt  um  Schritt  zur  Tür) 
(hetzt  dann  in  den  Park)  anders 

V 

Tag    Verhängte   Fenster 
Toter  (aufgebahrt  auf  dem  Divan) 
S  i  e  (kniet  das  Haupt  auf  dem  Toten) 
Freundin  (tappt  hinein  an  den  Türpfeiler  ge- 
lehnt) 
S  i  e  (hebt  den  Kopf,  wendet  langsam,  mechanisch, 
faßt  die  Freundin  ins  Auge,  fährt  übers  Gesicht) 
Sie     (erhebt  mühsam,  wankt  auf  die  Zitternde, 

matt):  ich  rief,  ließ  Dich  rufen. 
Freundin  (bebt  an  allen  Gliedern) 
S  i  e  (armt  die  Willenlose) :    zürnen,  nicht  zürnen, 
aufgeregt,  erregt  (stärker  und  gefaßter)  ich  bin 


25 


wieder  niliig  (füliii  sie  ziini  Stuhl,  zwingt  sie 
nieder,  bleibt  stehen,  den  Leichnam  deckend) 
wer  weiß?  was  tut?  meine  Aengste,  ich  weiß 
was  kommen  mußte,  handeln.  Sehen.  Das  Selbst 
sieht  sich  zu.  (streichelt  sie)  Du  bist  gut  (küßt 
die  Erschauernde,  tritt  neben  sie) 
Freundin  (blickt  den  Leichnam,  schlägt  haltlos 

wimmernd  den  Kopf  auf  den  Tisch) 
S  i  e   (streichelt   tröstig,   schreitet  zum   Leichnam, 
breitet  die  Arme  und  schaut  nach  ihr  um):  hier 
hat  er  mich  geliebt 
Freundin  (schaut  unter  Zwang) 
Sie  (wendet  grausam):  was  weinst  Du? 
Freundin  (hilflos  faltet  die  Hände) 
Sie  (näher,  drohend):  sag  was  weinst  Du? 
Freundin  (sucht  sich  zu  erheben,  erstickt) 
S  i  e  (weich  und  matt) :  Du  sollst  nicht  weinen. 
Freundin  (steht  gestützt,  weh):  Du  hast  mich 

lieb?  '^lili^ 

S  i  e  (zuckt  heftig  zusammen) 
Freundin  (flehig) :  Du 
S  i  e  (lacht  grell) 

Freundin  (in  fHegender  Angst):  lachen? 
S  i  e  (lächelt,  spielt  die  Finger) :  ich  kann  alles  (faßt 

wirr  die  Stirn) 
Freundin  (tritt  auf  sie  zu  und  legt  ihr  die  Hand 

auf  die  Schulter):  arme 
Sie  (erregt  hastig):  arme,  ich  bin  arm,  arm,  ich 


26 


war  immer  arm  (im  Aufschrei)  ich  habe  nie  wa^ 

ich  besitze 
Freundin  (tröstig):  Du  mußt  Ruhe  haben 
Sie  :  Ruhe  (lehnt  an  sie)  Du  hast  mich  lieb? 
Freundin  (legt  den  Arm  um) :  ich  habe  dich  lieb 
Sic  (legt  den  Kopf  auf  ihre  Schulter):  wen  hast 

du  lieb 
Freundin  (zittert) 
Sie  (hebt  den  Kopf  fern):     ich  war  immer  arm, 

allein 
Freundin  (faßt  ihren  Arm) 
Sie   (bekräftigt):   ja   doch   (schauert,  kühl,  unbe- 
rührt) er  hatte  andere 
Freundin  (setzt  sich  erschüttert) 
Sie  (kühl,  ruhig):  Du  kennst  ihn? 
Freundin  (wankt  auf,  stammelnd,  zitternd) :  Der 

Tote,  tot 
Sie  (tritt  zum  Toten  und  deckt  sein  Gesicht  auf): 

willst  Du  ihn  sehen? 
Freundin     (taumelt  zurück  und  bebt  auf  den 

Stuhl) 
Sie  (kühl):  Du  hast  ihn  doch  im  Leben  gesehen 

(kauert  und  küßt  den  Toten):  jetzt  will  sie  Dich 

nicht  mehr   sehen  (klagt)   niemand    sieht    Dich 

mehr. 
Freundin  (will  sich  erheben,  graust  zurück) 
Sie  (zeigt  ihn);  Du  kannst  ihn  doch  ansehen,  Du 


27 


liHiBt  Um  docli  seilen  (streiclit  dem  Toten  das 
Haar  glatt) 

Vre  u  n  d  i  n  (durcligraiist) :   was?    Du? 

Sie  (mibeirrt):  Du  hast  ihn  doch  gesehen,  daß  er 
mich  ansah. 

Freundin  (die  Hand  auf  die  Brust  gepreßt):  Du 
sprichst,  Du  sprichst 

Sie  (erhebt  sich):  ich  spreche 

Freundin:  Schweigen 

Sie   (dreht   um,   fern,   wiederholt):      Schweigen 

Freundin  (kämpft  kraftlos) 

S  i  e  (erhebt  sich  verächtlich) 

Freundin  (erschüttert,  gehetzt,  springt  hoch): 
zeig  ihn,  zeig  ihn. 

S  i  e  (faßt  ihre  Hand):  Sieh 

Freundin  (starr  vor  dem  Toten,  haucht):  sehen 

Sie  (lacht  grell):  ich  weiß,  ich  weiß 

Freundin  (reißt  los):  Unsinn!  Unsinn! 

S  i  e  (ruhig,  fern) :  ich  weiß,  Unsinn  (lebhafter) 
alles  Unsinn  (fuchtelt  wild)  wahr,  alles  wahr, 
(preßt  ihren  Kopf  zwischen  die  Hände)  alles  Un- 
sinn! (preßt  die  Hände  ums  Herz)  alles  wahr! 

Freundin  (zittert) 

Sie  (stampft  auf  und  blitzt  sie  an,  stößt  sie  ver- 
ächtlich von  sich  und  setzt  sich  zu  dem  Toten): 
so  hab  ich  Dich  gemordet! 

Freundin  (hält  mühsam  am  Tisch) 

Sie  (steht  auf,  hoheitsvoll  vor  ihr):  nicht  Dich! 

28 


nicht  Dich!  (greift  ihr  Handgelenk  hart,  zieht  die 
Qesträubte)  er  ist  tot,  Du  hast  einen  lebenden 
Schatz,  der  mich  will 

P  r  e  u  n  d  i  n  (gellt  auf):  nein ! 

Sie  (zerrt  sie):  ja!  nein!  (hält  fest,  ruhig  neben 
ihr,  bannend):  was  ist  wahr?  sag  was  ist  wahr? 

Freundin  (in  Beben) :  warum  haßt  Du? 

Sie:  ich  hasse,  hassen?  (lacht  dumpf)  sieh  seinen 
Mund,  er  küßt,  o  küßt! 

Freundin  (sucht  loszuwinden) 

Sie  (hält  eisern  fest):  er  hat  geküßt,  Männer  küs- 
sen, wir  müssen  dankbar  sein.  Dankbar!  (packt 
hinter  ihr  den  andern  Arm)  Moder?  die  Lippen 
modern  (nimmt  eisenfest  die  Hand  auf  ihr 
Haupt  und  beugt  die  Schreiende)  Du  mußt  nicht 
schreien.  Küssen!  Küssen  lacht!  er  hat  so  gern 
geküßt,  lachen!  küssen!  (stößt  die  Verstummende 
aitf  die  Lippen)  ich  weiß,  küsse,  küsse  (wirft  die 
Ohnmächtig  hin)  pfui  Du  Metze,  (stößt  den  Fuß 
nach  ihr)  küsset  anderleuts  Leichen  (beugt  über 
sie)  Leichenküsse  (lauscht)  Du  hörst  mich  nicht 
(reißt  sie  an  den  Haaren  hoch)  höre  höre,  ich 
habe  viel  zu  sagen  (beugt  über  sie)  schön  Du! 
unsagbar  anmutig  (betrachtet  die  Liegende,  tritt 
zum  Spiegel,  wischt  über  das  Qesicht,  tritt  zu 
ihr)  neüi,  nicht  bewußtlos,  Freuden  wachen 
(gießt  ihr  Wein  aus  der  Karaffe  ins  Qesicht)  wacli 
atjl!  w^ch  auf  (springt  hoch,  stellt  die  Flascüe 


29 


aus  der  Hand)  ja  ja  (reißt  die  Lade  des  Divan- 
tisches  auf  und  stockt  im  Denken,  hebt  einen  Re- 
volver hoch)  nicht  doch!  (legt  die  Hand  au  die 
Stirn)  ich  bin  ja  ich  bin  (legt  den  Revolver  zu- 
rück, lächelt  bitter)  nein  ich  hab  ihm  nie  welche 
zugeführt,  wahr!  Lüge  (sie  spielt  ein  Messer)  die 
Augen,  die  Augen,  Nacht  (sie  klappt  das  Messer 
und  nimmt  es  stichig,  beugt  und  bewundert)  o  du 
bist  schön,  unsagbar  anmutig,  wirklich,  hörst 
Du?  und  ich  bin  schön,  er  sagte  es  hundert  Mal 
(im  wehen  Aufschrei)  ich  hatte  nie  was  ich  be- 
saß. Ich  besaß  niemak  was  ich  hatte  und  was 
ich  hatte,  besaßen  immer  die  anderen  (weint, 
fährt  der  Liegenden  über  Gesicht  und  Haar) 
nein  nein,  Du  sollst  leben,  wirklich  leben  (wol- 
lüstig tastend)  Haut,  Lippen,  oh  (beugt  tief  und 
schneidet)  nicht  küssen,  niemals,  niemals  mehr 
(wirft  Schnitt  und  Messer  durch  die  Vorhänge  des 
offenen  Fensters)  der  andere  (beugt  über  sie) 
Du  bist  schön,  o  anmutig  (breitet  ein  Tuch  über 
das  winnnernde  Qesiclit)  Du  sollst  nicht  sterben, 
sterben  (preßt  das  Tuch  an)  Du  kannst  Dich  auch 
im  Spiegel  sehn,  er  liebt,  er  nimmt  Dich  doch 
unsagbar,  Totenkopf  (erhebt  sich,  blickt  angst- 
verzerrt umher,  nimmt  ein  Qlas,  schenkt  Wein 
und  schüttet  Pulver  die  Augen  weit  in  Fernen) 
ein  Tor,  eui  Tor  (schrickt  zum  Park) 
Hu  n  d  e  balgen 


30 


Sie  (lacht):  die  Hunde  ballen  Lippen  (hebt  das 
Qlas)  hörst  Du?  warte  eine  Weile  (Gedanken 
überfallen)  Weile  (schaut  auf  die  Liegende,  beugt 
über  und  horcht)  atmen,  atmen,  Du  (steht  das 
Qlas  fort  und  packt  sie  wild  in  die  Haare)  Du 
sollst  nicht  liegen  hier,  liegen,  ich  treffe  mit  ihm, 
treffe  (schleift  in  den  Park) 

S  i  e  (kommt  wieder  und  trocknet  lächelnd  die 
Hände):  ja  geile  Hunde  (nimmt  die  Hand  des 
Toten,  (sitzt  und  betrachtet) 

Hunde  (heulen  draußen) 

S  i  e  (lacht  grell,  trinkt,  wirft  das  Qlas  in  Scher- 
ben, greift  stürzend  seine  Hand;  über  ihn):  Du, 
Dich,  Ich. 


Druck   TOD   Carl   Hauie,   BerUn   SO.   26,   M.-iriaunenplatz  23. 

31 


kk 

.S696 
S896 
1915 

Stramm,  Avigust 
KR'AFTE".  Berlin,  Verlag  der 
Sturm,   CI915. 

1 

N 
hk 

.S896 
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Rebay 
__StrajDmj_JiigüSi ■ 

1915".°' 

r       TITLE 

der  Stvirm,  cl9l5. 

DATE 
;      LOANED 

■ ■                                                       DATE 

p^oooWER'S    NAME                 RETURNED  _ 

Der  Sturm  /  Verlag  /  Zeitsehrift 

Leitung:   Herwarth  Waiden 
Berlin  W  9     /     Potsdamer  Straße  134  a 


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Berlin  W9     /      Potsdamer  StraBe  134  a 

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